„Digital ausgeliefert: Wenn Amerika den Stecker zieht“ – Beitrag für die ZDF Wissens-Kolumne von NANO und Terra X

Der Bilanzgewinn von heute ist die Erpressbarkeit von morgen: Der französische Richter Nicolas Guillou unterzeichnete im November 2024 den Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu und stand wenige Monate später auf einer Sanktionsliste der US-Regierung. Seither lebt er „gefühlt in den 1990er Jahren“. Was wie ein Einzelfall wirkt, ist in Wahrheit ein Stresstest, der vor Augen führt, wie tief die Abhängigkeit reicht, sobald ein einziger politischer Beschluss genügt, um einem Menschen die Teilhabe am modernen Leben zu entziehen.

Bei näherer Betrachtung jedoch wird deutlich: Die aktuell so intensiv geführte Debatte um #Digitalsouveränität ist nur das Ende einer langen Kette wirtschaftspolitischer und unternehmerischer Entscheidungen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten zu dem geführt haben, wo wir zurzeit stehen: #Siemens verkaufte 2005 seine einst weltführende Mobilfunksparte an den taiwanischen Konzern BenQ, der binnen eines Jahres Insolvenz anmeldete, womit Deutschland aus dem Markt für Endgeräte verschwand, den heute Apple und Samsung beherrschen. Die Speicherchipsparte von #Infineon ging als Qimonda im Jahr 2009 unter, sodass die europäische DRAM-Produktion faktisch erlosch und der Kontinent seither weitestgehend auf südkoreanische und US-amerikanische Anbieter angewiesen ist. Die deutsche Solarindustrie um #QCells, die einst Weltmarktführer war, wanderte mangels politischer Rückendeckung nach Asien ab. Eine ernsthafte europäische Suchmaschine wurde trotz Projekten wie #Quaero nie aufgebaut, Cloud-Plattformen blieben Hyperscalern überlassen, und beim Mobilfunkausbau diskutiert Europa heute nur noch, welcher außereuropäische Ausrüster das geringere Risiko darstellt.

Hinter diesen Weichenstellungen stand vor zwanzig Jahren selten ein langfristiges strategisches Kalkül, sondern oft die Logik der kurzfristigen Bilanzverbesserung, die mit jedem Verkauf einer Sparte einen einmaligen Buchgewinn lieferte, während der damit einhergehende technologische Substanzverlust ausgeblendet wurde. Hinzu kam eine bemerkenswerte Hybris mancher europäischen Industrienation, die annahm, sie könne die Entwicklung und Herstellung von Software, Halbleitern, Plattformen und Netzwerktechnik bedenkenlos auslagern, weil sich an den (innovations)politischen und technologischen Konstellationen auch in Zukunft ohnehin nichts Grundlegendes ändern werde. Der Fall Guillou führt nun vor Augen, was diese Annahme heute wert ist, und macht deutlich, dass digitale Souveränität nicht durch Sonntagsreden entsteht, sondern durch Investitionen in eigene Infrastruktur, anwendungsorientierte Forschung und transparente Beschaffungsprozesse, also durch genau jene langfristigen Entscheidungen, die in den vergangenen dreißig Jahren zu wenig im Fokus lagen:

https://www.zdfheute.de/wissen/digitale-abhaengigkeit-terrax-nano-dennis-kenji-kipker-kolumne-100.html

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