Warum gründen Sie ein neues Forschungsinstitut, Herr Professor Kipker? – Interview mit dem Tagesspiegel anlässlich der Gründung des cyberintelligence.institute

Sie haben bereits zahlreiche Funktionen inne, warum haben Sie nun das Institut gegründet?

Ich habe in den letzten zehn Jahren viele Erfahrungen gesammelt, wie die Cybersicherheit in Deutschland und der EU, aber auch weltweit organisiert ist. All diese Erfahrungen möchte ich nun in einer neuen wissenschaftlichen Einrichtung bündeln, da einerseits die Herausforderungen enorm sind, es andererseits aber keinen ganzheitlichen Ansatz zur Bewältigung all dieser drängenden und akuten Probleme gibt, den wir dringend brauchen, denn nur durch internationale Zusammenarbeit, offenes Denken und den Dialog wird es uns gelingen, der überbordenden Bedrohungslage Herr zu werden – und genau das fehlt immer mehr. Wir haben staatliche Akteure, Verbände, NGOs, Unternehmen, die Wissenschaft, aber bislang keine Einrichtung, die all diese verschiedenen Ansätze zusammenführt und das geballte Wissen und die vielen Fähigkeiten und Fertigkeiten unter ein Dach bringt. Mit Sicherheit ist das eine herausfordernde Aufgabe, aber genau das soll das cyberintelligence.institute (CII) leisten. Gerade die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft ist erheblich verbesserungsbedürftig: In beiden Bereichen werden tagtäglich große Innovationen geschaffen, ein effektiver Wissenstransfer findet aber nicht statt, denn jeder bleibt in seinen Silos, wodurch ganz viel Innovation und Wissen verloren geht. Und genau solche Barrieren und Strukturen bricht das CII auf.

Wo sehen Sie den Bedarf?

Ich habe als Wissenschaftler in den letzten Jahren eine Welt im Umbruch beobachtet: Von der Globalisierung zur Regionalisierung, vom Dialog zum Monolog, von belastbaren Aussagen zu Möglichkeiten. Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit und darauf reagieren Politik und Gesetzgeber zwangsläufig. Wir müssen uns der Herausforderung stellen, Gesellschaft, Staat und Wirtschaft in den kommenden Jahren resilienter als in vielen Jahren zuvor zu machen – und das sowohl digital wie auch physisch. Aber die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, sind nur sehr begrenzt. Und hierbei sieht sich das CII nicht nur als Unterstützer, sondern als treibende Kraft. Die drei Schlagworte in dem Zusammenhang: Transformation, Kooperation, Innovation. Transformation bedeutet für uns, dass wir politisches Umdenken und Veränderungen anstoßen wollen, um gerade in diesen Zeiten Dialog und Kooperation, gegenseitiges Verständnis anzuregen. Somit Kanäle öffnen anstelle sie zu schließen. Kooperation meint, dass wir die deutsche und europäische Wirtschaft vor einer erheblichen Herausforderung sehen, in den kommenden Jahren ihre Resilienz auf ein bislang ungekannt hohes Niveau zu stellen. Das ist viel Verantwortung und dazu werden wir unseren Teil beitragen. Innovation bedeutet Umdenken und agieren, nicht nur reagieren. Wir wollen Entwicklungen antizipieren und steuern, und dort, wo es nötig ist, mit dem nötigen Gewicht auch gegensteuern. Wir unterstützen universitäre aber auch privatwirtschaftliche Einrichtungen bei ihrer Forschung und praktischen Anwendung der Ergebnisse – Schlüsselbegriffe sind hier Open Science und Open Data.

Wie wird das Geschäftsmodell aussehen?

Ich habe von Anfang an betont, dass das CII unabhängig ist. Das bedeutet, dass wir von Beginn an auch unabhängig starten. Es gibt keine fremden Anteilseigner und keine maßgeblichen Bestimmer, weder von staatlicher noch von wirtschaftlicher Seite. Und das geht nur, indem ganz viel eigenes Risikokapital einfließt. Wir sind zunächst mit einem kleinen Kernteam dabei und werden uns gemessen an den Bedarfen an unsere Arbeit organisch und dynamisch weiterentwickeln. Insoweit sind wir auch kein klassisches Forschungsinstitut, sondern sehen uns als Scale-up mit flachen, dynamischen und flexiblen Strukturen, um schnell auf den Markt reagieren zu können. Die Entscheidungen des CII sind frei, transparent, unabhängig und wir suchen uns unsere Kooperationspartner selbst aus. Unsere wissenschaftlichen Entscheidungen werden durch ein eigenes Scientific Advisory Board gestützt, das zurzeit mit führenden internationalen Wissenschaftler:innen besetzt wird, um eine gleichbleibend hohe Qualität inhaltlicher Entscheidungen sowie unserer Arbeit zu gewährleisten. Verlässlichkeit ist hier die Devise, denn ohne Verlässlichkeit gibt es kein Vertrauen. Wir sehen unseren Business Case anknüpfend an die drei Schlagworte in zwei Hauptarbeitsfeldern: Die deutsche Wirtschaft flächendeckend bei der Umsetzung von Cybersicherheit in den kommenden Jahren bestmöglich zu unterstützen und die wissenschaftliche Forschung in allen Fragen digitaler Souveränität und Resilienz mit einer globalen Perspektive voranzutreiben. Einerseits bieten wir dabei mit der Advisory-Abteilung des CII Unternehmen, Lösungsanbietern und Providern eine Plattform für ihre Produkte und Dienste an, andererseits ermöglichen wir allen Betroffenen vom Konzern über KMU bis hin zu Kleinbetrieben, für sie maßgeschneiderte Lösungen für mehr Resilienz zu finden und einzusetzen, die ihnen nicht von einer einzelnen Beratungsfirma oder einem Hersteller verkauft werden, sondern sorgfältig durch eine unabhängige dritte Stelle kuratiert worden sind. Damit wollen wir gerade auch Betrieben, die erstmals mit Cybersecurity- und Resilienzfragen konfrontiert sind, die Berührungsängste vor dem Thema nehmen. Der wissenschaftliche Teil unseres Instituts wird in Ausbildung, Weiterbildung und Studium tätig sein, aber auch im Rahmen klassischer wissenschaftlicher Forschungstätigkeit. Eine große Neuerung dabei: Wir wollen auch als Projektträger für Forschungsprojekte agieren, aber aus der Privatwirtschaft finanziert. Wie kann man sich das vorstellen? Ein Unternehmen hat einen Forschungsbedarf, der mit den hauseigenen Mitteln aber nicht bewältigt werden kann. Dementsprechend kann es an uns herantreten und wir erstellen zusammen mit dem Unternehmen einen auf seine Bedarfe zugeschnittenen Forschungsplan, den wir mit dem zur Verfügung gestellten Unternehmensbudget öffentlich ausschreiben. Dann kann sich jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler darauf bewerben und die Unternehmen erhalten eine große Vielfalt an Konzepten – bislang werden solche Aufträge eher nach dem Prinzip „wer kennt wen“ unter der Hand vergeben, was nicht gerade sehr wissenschaftlich ist und auch Nachwuchswissenschaftler in keinster Weise fördert. Gewinnen soll das inhaltlich beste Konzept und nicht, wer es macht. Überdies erhalten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Security Researcher auch jenseits von Unis und Hochschulen bei uns die Möglichkeit, eigene Project Proposals einzubringen und wir helfen ihnen dann dabei, einen geeigneten Unternehmenspartner für die Realisierung ihres Vorhabens zu gewinnen. Mehr Chancengleichheit in der Wissenschaft ist somit ein ganz zentraler Pfeiler unserer Arbeit und unseres wissenschaftlichen Selbstverständnisses.

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